Seegraswiesen: Ökosysteme voller Wunder
Einpflanzaktion von Seegrassamen im Mittelmeer. © Project Manaia
Seegras kann viel. Sehr viel. Diese nicht näher mit Gräsern verwandten Pflanzen gibt es seit 110 bis 120 Millionen Jahren. Es sind die einzigen Blütenpflanzen im Meer. Sie leben in lichtdurchfluteten, küstennahen Regionen an den Küsten fast aller Kontinente. Nur in der Antarktis fehlen sie. Seegraswiesen können riesige Super-Ökosysteme bilden. Das größte bisher bekannte liegt vor den Bahamas. Seine Fläche entspricht der Größe Portugals.
Umweltstress führte zu dramatischen Bestandsverlusten
Viele Jahrzehnte lang unterschätzte man die Bedeutung dieser Küstenökosysteme, auch weil man zu wenig über deren Ökosystemleistungen wusste.
Hemmungslos wurden die Unterwasserwiesen zerstört: für den Bau von Fischfarmen, aus „optischen“ Gründen für Touristen. Verheerende Zerstörungen richtet die Fischerei mit den Meeresboden umpflügenden Grundschleppnetzen an. Fatal für das Überleben der Wiesen ist auch die Verschmutzung des Meerwassers mit Nährstoffen aus der Landwirtschaft sowie durch ungeklärte kommunale und industrielle Einleitungen.
Da Seegraswiesen festen Halt fürs Ankern bieten, gehen Freizeitskipper dort gerne vor Anker. Anschließend rasiert die am Meeresboden liegende Ankerkette die umliegenden Seegraspflanzen. Beim späteren Einholen dann reißt der Anker tiefe Löcher in die Wiese. Es dauert Jahre, bis sich diese Lücken durch natürliches Wachstum schließen.
Nach Berechnungen von UNEP, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen, gingen zwischen 1970 und 2000 weltweit etwa 30 % der Seegraswiesenbedeckung verloren.
Hotspots der Artenvielfalt und Klimaretter
Nach wie vor ist das Wissen um die Ökosystemfunktionen und das Leben der sonderbaren Unterwasserpflanzen lückenhaft. Doch was man weiß, überrascht.
Ähnlich einem tropischen Korallenriff ist jede Seegraswiese – auch wenn man auf den ersten Blick „nur“ ein weites Feld mit sich im Meer wiegenden, dicht wachsenden, grünen lanzettförmigen Blättern sieht – ein Hotspot der Artenvielfalt. Unzählige Arten leben hier, sind auf die Wiesen als dauerhafter oder Übergangslebensraum angewiesen. Andere nutzen sie, um ihre Eier auf den Blättern abzulegen. Substratlaicher wie der Hering können sich ohne Seegräser nicht in genügender Zahl vermehren.
Grüne Meeresschildkröten und Seekühe ernähren sich fast ausschließlich von Seegras. Gewaltige Tigerhaie und andere Top-Prädatoren patrouillieren über den Wiesen, sorgen dafür, dass die Seegrasfresser nicht überhandnehmen. Schlechte Schwimmer wie Seepferdchen finden an den dicht wachsenden Blättern sicheren Halt.
Für Zugvögel wie Ringelgänse, die während ihres Herbstzuges im westeuropäischen Wattenmeer Rast machen, ist Seegras eine bedeutende Nahrungsquelle zur Stärkung vor dem rund 5.000 km langen Weiterflug in die Brutgebiete auf der sibirischen Taimyrhalbinsel.
Seegraspflanzen können einen vergleichsweisen monotonen zweidimensionalen Lebensraum in ein reich strukturiertes, dreidimensionales Unterwasseruniversum verwandeln. Wissenschaftler bezeichnen sie als „Serengeti des Meeres“.
Und auch für den Klimaschutz ist Seegras ein essenzieller Baustein. Denn ein Quadratmeter kann, je nach Art, genauso viel oder mehr Kohlenstoff speichern wie ein Quadratmeter Regenwald und das auch noch 35-mal schneller! Die Unterwasserpflanzen speichern den von ihnen im Zuge der Fotosynthese aufgenommenen Kohlenstoff zudem für viele hundert Jahre als „blauen Kohlenstoff“ oder Blue Carbon größtenteils unterirdisch.
Damit sind sie gemeinsam mit den Mooren die potentesten natürlichen Kohlenstoff-Speichersysteme. Seegräser sind „Wunderpflanzen aus dem Meer“ gegen den Klimawandel. Zerstört man sie jedoch, wird der gespeicherte Kohlenstoff als Klimagas CO2 freigesetzt. Die CO2-Senke wird zur CO2-Quelle.
Küstenschutz, Nahrungsressource und Biofilter
Die nur auf den ersten Blick unscheinbaren Wiesen sind nicht nur unersetzlich als Lebensraum und für den Klimaschutz. Seit Jahrhunderten nutzen Küstenvölker Seegras auf traditionelle Weise. Als Nahrungsmittel, Füll- und Dichtmaterial, für Tierfutter und Dünger oder für medizinische Anwendungen. Heute züchtet man es in großem Stil in Aquakulturen. Ganz vorne mit dabei sind China und Indonesien. Doch die Meerespflanzen können noch mehr.
Seegraswiesen haben eine entscheidende Funktion bei der Filterung von Küstengewässern. Sind die Wiesen intakt, dann halten sie Partikel einschließlich Mikroplastik zurück, absorbieren Stickstoff aus der Wassersäule, recyceln Nährstoffe und beseitigen Bakterien und Viren. Sie arbeiten als Bio-Filter und tragen zur besseren Hygiene des Meerwassers und damit auch zur Gesundheit und zum Wohlbefinden des Menschen bei.
Nicht zu vergessen: Als Grünpflanzen produzieren sie über Fotosynthese bei Tageslicht Unmengen von lebenswichtigem Sauerstoff.
Mittlerweile halten Seegraswiesen auch verstärkt Einzug in Konzepte für den ökosystembasierten „weichen“ Küstenschutz. In Kombination mit „harten“ Küstenschutzmaßnahmen wie Wellenbrechern oder Deichen können intakte Wiesen wesentlich zu einem kosteneffizienten und langfristig wirksamen Küstenschutz beitragen.
Die Unterwasserwiesen stabilisieren den Meeresboden und sind effektive Wellendämpfer. Je nach Situation vor Ort können sie Wellen um mindestens 25 bis 45 Prozent dämpfen, bevor diese auf die Küste treffen.
Super-Ökosystem unter Druck
Trotz ihrer überwältigenden Bedeutung für das Leben in den Meeren und auf der Erde stehen Seegraswiesen nach wir vor unter hohem Zerstörungsdruck. Nach Einschätzung der Helsinki-Kommission zum Schutz der Ostsee (HELCOM) sind sie in der Ostsee auch an unseren Küsten stark gefährdet. In Deutschland stehen sie auf der Roten Liste gefährdeter Biotope und sind geschützt.
Auch im Mittelmeer wurden starke, nach wie vor andauernde Verluste festgestellt. Die nördliche Hälfte der Adria ist bereits relativ leer.
Seegraswiesen bewahren und renaturieren
Ohne menschliches Zutun haben ehemals von Seegräsern besiedelte Flächen kaum Chancen auf Erholung. Der Wiederaufbau degradierter Seegraswiesen ist eine Investition in die Zukunft der Meere und in unsere eigene.
Die Deutsche Stiftung Meeresschutz (DSM) und ihre Partner im In- und Ausland arbeiten in vielfältiger Weise für Bestandserhebungen, Erhalt und Renaturierung von Seegraswiesen.
Die Deutsche Stiftung Meeresschutz benötigt Ihre Hilfe: für den Meeresschutz, für den Klimaschutz, für den Artenschutz, gegen das Aussterben.
Ihr Einsatz für Seegraswiesen zählt!
Zusammenfassung
- Seegraswiesen spielen eine entscheidende Rolle als CO₂-Senken und Biodiversitätshotspots. Je nach Art und Standort kann Seegras 30- bis 50-mal mehr CO₂ speichern als Wälder.
- Die Bedeutung von Seegraswiesen für den Küstenschutz und die Wasserqualität ist enorm. Sie dämpfen Wellenschlag und wirken als Biofilter.
- Die Wiesen sind durch menschliche Aktivitäten wie Fischerei, Tourismus und Meeresverschmutzung und den Folgen des Klimawandels gefährdet.
- Seegras hat das Potenzial, als kostengünstiger Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels zu dienen, wird jedoch oft unterschätzt.
- Die Deutsche Stiftung Meeresschutz setzt sich mit einer Vielzahl von Projekten für die Renaturierung und den Schutz von Seegraswiesen ein.
Impressum:
Deutsche Stiftung Meeresschutz (DSM)
unter treuhänderischer Verwaltung der DS Deutsche Stiftungsagentur GmbH
Brandgasse 4
41460 Neuss
T: +49 89 71668188
@: info@stiftung-meeresschutz.org




